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Jagdwaffen
Nicht nur Stoßlanzen, sondern auch Wurfspeere gehörten zu der Jagdausrüstung des Neandertalers. Er hat sie zwar nicht erfunden, schon im niedersächsischen Schöningen wurden bis zu 2,50 Meter lange Holzspeere entdeckt, die 400.000 Jahre alt sind und somit dem späten Homo erectus zugerechnet werden müssen. Der Neandertaler aus dem Harz hat die Technik aber weiter verfeinert: An die Spitze des Speers klebte er mit Birkenpech scharfkantige Steinspitzen für die Jagd auf große Tiere, bei kleineren Tieren Knochenspitzen. Die Speere erreichten zwar keine große Geschwindigkeit, fügten den Tieren aber zum Teil tiefe Wunden zu.
Es gibt bis heute Wissenschaftler, die meinen, der Neandertaler sei an seine Fleischrationen nicht durch aktives Jagen gekommen, sondern habe das Fleisch bereits toter Tiere abgeschnitten und das Mark aus ihren Langknochen gewonnen. Die sorgfältig gearbeiteten Jagdwaffen müssten jedoch eigentlich auch die letzten Zweifler überzeugen, dass die Neandertaler geschickte Jäger waren.
Werkzeuge
Neandertaler fertigten Speere und Keilmesser an und nutzten, wie bereits ihre Vorgänger, das Feuer. Ein wichtiger Fundort in Deutschland, an dem besonders zahlreiche Steinartefakte des Mittelpaläolithikum sowie auch mehrere Fundschichten entdeckt wurden, ist die Balver Höhle in Westfalen. Diese Höhle wurde in der ersten Hälfte der Weichsel-Eiszeit vor 100.000 bis 40.000 Jahren immer wieder von Neandertalern aufgesucht. Im Fundmaterial aus der Balver Höhle konnten zahlreiche Geräte aus Knochen und Mammutelfenbein identifiziert werden. Aber auch auf der Schwäbischen Alb und auf zahlreichen Fundplätzen im Freiland wurden Spuren von Jagdlagern des Neandertalers gefunden.
Die Steinartefakte sind klein und scharfkantig, in ausgeprägter Levallois-Technik, sowie sogenannte Wolgograder Messer, die auf den östlichen Bereich der Keilmessergruppe verweisen.
Die sehr umfangreichen Funde auf der Krim, die in jüngster Zeit untersucht worden sind, lassen die Steinzeitliche Kulturentwicklung über einen sehr langen Zeitraum verfolgen. Danach bleiben die Artefakte über etwa 100.000 Jahre ziemlich unverändert mittelpaläolithisch: Flache Klingen, die meist beidseitig durch Oberflächenretuschen über lange Zeit funktionstüchtig gehalten wurden. Sie befanden sich bereits in Holz- oder Knochengriffen (Stielen) und wurden sogar montiert geschliffen bzw. überarbeitet. Diese „Al-Kaya-Industrie“ genannte Kultur ähnelt dem Micoquien Mitteleuropas. Erst mit dem allmählichen Absinken der Temperaturen zum Höhepunkt des letzten Glazials vor etwa 60.000 Jahren änderte sich die Kultur. Es wurden nun aus Feuersteinknolle durch geschickte Abschlagstechnik Werkzeuge erzeugt, die nach Abnutzung weggeworfen, also nicht mehr nachgeschliffen wurden. Es war offenbar einfacher geworden, durch Abschlag neue Klingen und Werkzeuge zu schaffen.
Behausungen
Im Rheinland im Braunkohle-Tagebau Inden wurde im August 2006 eine Behausung des Neandertalers mit einem Alter von ca. 120.000 Jahren entdeckt. Damit ist ein spektakulärer Fund gelungen. Eine ovale Bodenvertiefung stellt den
Grundriss einer Behausung dar, nicht weit davon entfernt wurden 60 Klingen aus Feuerstein, darunter Messer und Beile für Felle und Fleisch, gefunden. Man hofft die Pfostenlöcher für die Holzkonstruktion der Hütte zu finden. Auch im Hessischen Buhlen hatte man bereits Behausungsreste gefunden.
Kleidung
Der Neandertaler fertigte vermutlich - als erste Menschenart - Kleidung an.
Ernährung
Aus Untersuchungen der Isotopenverhältnisse von Knochenproteinen lässt sich schließen, dass sich die Neandertaler fast ausschließlich von Fleisch ernährt haben. Das Sediment der mittelpaläolithischen Fundschichten in der Balver Höhle waren mit den Knochen vom Mammut, darunter vor allem Kälber und Jungtiere, regelrecht durchsetzt. Es kann von einer sehr großen Anzahl von Tieren ausgegangen werden, die im Umfeld der Höhle erlegt wurden.
In der Gudenushöhle (Kleines Kremstal, Niederösterreich) lässt die untere Kulturschicht (70.000 Jahre) Jagd auf Mammut, Nashorn, Ren, Wildpferd und Höhlenbär vermuten. (Die obere Schicht (ab 20.000 Jahre) zeigte Ritzkunst und eine Flöte, da gab es aber keine Neandertaler mehr).
Eine bedeutende Fundstelle befindet sich auch in Sachsen-Anhalt im Geiseltal, in der neuerdings Artefakte des Neandertalers von vor etwa 90.000 Jahren (frühe Weichselkaltzeit), sowie an anderer Stelle eine Fundschicht, die älter als die Eem-Warmzeit (ca. vor 100.000 Jahren) ist. Die Knochenfunde stammen von Rindern, Pferden, Hirschen und Rehen, in den älteren Funden auch vom Waldelefanten; auch Kleinsäuger, Vögel und Fische sowie zahlreiche Molluskenschalen kommen vor.
Arbeitsteilung - Organisation
Die Kultur ähnelte dem Aurignacien des Homo sapiens in Mitteleuropa, obwohl dieser auf der Krim erst vor 30.000 Jahren auftrat. Der Neandertaler hatte hier wichtige Innovationen des Modernen Menschen vorweggenommen. Die zahlreichen Knochenfunde von Wildeseln machen deutlich, dass der Neandertaler es bereits beherrschte, planmäßig bei den Beutezügen vorzugehen. Meist wurden ganze Familien bzw. Herden von Eseln mit Eltern- und Jungtieren überfallen, während diese am nahen Flusslauf ungeschützt zur Tränke waren. Die Beute wurde an Ort und Stelle zerlegt, aber wesentliche Teile der Tiere wurden im Stück abtransportiert und an anderer Stelle zerteilt, zubereitet und verzehrt. Beobachtet wurde auch eine über unterschiedliche Lagerplätze verteilte Arbeitsteilung: So gab es Lagerplätze, wo das Wild zerlegt und die Steinwerkzeuge hergestellt wurden sowie andere, wo offensichtlich länger gewohnt und verzehrt wurde, wo es mehr Schutz vor Unwetter gab usw.
Eine deutliche planmäßige Arbeitsteilung und Organisation, jahreszeitlich ausgerichtete Spezialisierung auf einzelne Tierarten und auf die ganze Gruppe bezogene Lagerplätze konnten ausgemacht werden. Dennoch gibt es eine ganze Reihe von jungpaläolithischen Merkmalen wie besondere Geweih- und Knochenbearbeitungen oder Werkzeuge wie Stichel und Kratzer, die hier noch fehlen. Man gewinnt den Eindruck von mittelpaläolithischen Menschen, die gewisse jungpaläolithische Errungenschaften bereits entwickelt hatten, andere aber noch nicht kannten.
Religiosität und Sozialverhalten
Hinweise auf die Religiosität der Neandertaler sind mangels eindeutig interpretierbarer Funde immer noch Spekulation. In der Schweizer Drachenloch-Höhle wurden Knochen des Höhlenbären gefunden, die zwischen Steinplatten angeordnet waren - deshalb spekulierte die ältere Forschung (und in jüngerer Zeit die Schriftstellerin Jean M. Auel) über einen „Höhlenbären-Kult“ beim Neandertaler. Die Felsen können freilich auch von selbst, ohne menschliche Einwirkung, von der Höhlendecke herab gefallen, ihre Anordnung zufällig sein. - In Shanidar im Irak fand man einen Neandertaler unter einer großen Felsplatte begraben, rings um ihn auffallend viele Pollen von Blütenpflanzen. Ob es sich hier aber tatsächlich um ein rituelles Blumenbegräbnis gehandelt hat, wird heute bezweifelt. Eine Analyse umgebender Sedimente ergab, dass die Blütenpollen nachträglich von Wühlmäusen eingebracht worden waren. Zwei Leichen von Neandertalern in eindeutig von Menschenhand ausgehobenen „Gräbern“ finden sich dagegen bei La Chapelle-aux-Saints in Frankreich und in Kebara (Israel). Aber auch in diesen beiden Fällen bleiben die Vorstellungen über ein religiöses Empfinden der Neandertaler spekulativ; aus den Funden lässt sich nicht beweisen, dass sie an ein Leben nach dem Tod glaubten. Es könnte sich bei den beiden „Gräbern“ auch um Müllgruben handeln, in denen man sich der Toten entledigen wollte.
Pflege bei Krankheit und Verletzungen
Einige Überreste legen nahe, dass Neandertaler verletzte Gruppenmitglieder nicht ihrem Schicksal überließen, sondern sie pflegten:
In der Shanidar-Höhle im Irak wurde das Skelett eines Mannes gefunden, dessen linke Augenhöhle verletzt war und dessen rechter Unterarm fehlte. Weitere Knochenbrüche wurden offensichtlich geschient, so dass er noch Monate, vielleicht sogar Jahre weiterlebte.Entsprechendes gilt nach neueren Erkenntnissen auch für das Indivuum, dessen Knochenreste im Neandertal sichergestellt werden konnten.
Die Krankenpflege hatte unter den Neandertalern eine lange Tradition. Der älteste nachgewiesene Fall reicht 175.000 Jahre zurück: Damals fielen einem Mann im französischen Vaucluse nach einer Zahnfleischentzündung die Zähne aus. Eigentlich wäre es sein Todesurteil, denn ohne Gebiss konnte er nicht die meist harte Nahrung seiner Tage zu sich nehmen. Er lebte jedoch noch lange - seine Sippe muss ihn gepflegt und ihm Hartes und Zähes vorgekaut haben.
Vermutlich kannten die Neandertaler auch bereits die heilende Wirkung bestimmter Pflanzen und Kräuter. In der Kebara-Höhle in Israel wurden neben Skelettresten von Neandertalern auch über 4000 verkohlte Samen und Früchte verschiedener Pflanzenarten gefunden. Wissenschaftler vermuten, dass einige von ihnen als Heilpflanzen verwendet wurden - beispielsweise wilder Wein, Pistazien, Linsenwicke und Eicheln zur Blutreinigung, zur Wundpflege und bei Durchfallerkrankungen. Man kann also davon ausgehen, dass die Neandertaler durchaus in der Lage waren, den Heilungsprozess zu beschleunigen.
Forschungsgeschichte
Die Stätte der ersten Neandertaler-Funde ist nicht mehr erhalten; die so genannte Kleine Feldhofer Grotte wurde im Rahmen des Kalkabbaus (der letztlich auch zur Entdeckung führte) zerstört. Zwei Arbeiter waren dort im August 1856 etwa 60 cm tief im Lehm auf fossile Knochen gestoßen, die zunächst unbeachtet mit Gesteinsschutt zu Tal geworfen wurden. Dort fielen sie dem Besitzer des Steinbruchs auf, der sie für Überreste eines Höhlenbären hielt und die größeren Knochenfragmente aus dem Schutt aufsammeln ließ. Anschließend wurden sie dem Elberfelder Lehrer Johann Carl Fuhlrott übergeben. Er erst erkannte auf Anhieb, dass die Überreste (einige Rippen, mehrere Bein- und Armknochen, ein Schädeldach, Becken-Fragmente) einem Menschen zuzuordnen waren, der sich allerdings vom heute lebenden Menschen unterschied. Seine letztlich korrekte Deutung wurde jedoch von den Gelehrten seiner Zeit (unter anderem auch von dem deutschen Pathologen Rudolf Virchow) nicht ernst genommen. Mehr Anerkennung fand Fuhlrotts Deutung in England, wo das um diese Zeit erschienene Werk Charles Darwins den Weg zu einer neuen Denkrichtung bereitet hat.
Dass Virchow den Neanderthaler für einen modernen Menschen hielt, lag vor allem daran, dass dieses Skelett auch rachitisch verformt war, was zu einer falschen Rekonstruktion des Neandertalers (zum Beispiel gebückte Haltung) führte, die erst im 20. Jahrhundert korrigiert wurde.
Heute befindet sich an der Stelle des Fundorts, 14 m unter dem Niveau von 1856 gelegen, ein kleiner Park, der auf die Entdeckung hinweist. Er gehört zum etwa 500 m entfernt liegenden Neanderthal-Museum, das einen Einblick in die Geschichte der Menschheitsentwicklung gibt.
Nachgrabungen im Neandertal unter der Leitung des Tübinger Urgeschichtlers Ralf W. Schmitz und seines Kollegen Jürgen Thissen haben in jüngster Zeit neue, spektakuläre Funde am Standort der ursprünglichen Höhle (51° 13' 38" N, 6° 56' 40" O) zutage gefördert, nämlich die Überreste von zwei weiteren Neandertaler-Individuen. Unter den mehr als 60 Knochen und Knochensplittern konnten die Forscher die Armknochen eines erwachsenen Neandertalers sowie den Milchzahn eines Kindes nachweisen. Die aufgefundenen Knochen und Steinwerkzeuge sind rund 40.000 Jahre alt, was mit dem ersten Fund übereinstimmt.
Im Jahr 2004 wurde aufgedeckt, dass der Leiter des Instituts für Anthropologie der Universität Frankfurt, Prof. Reiner Protsch, wiederholt Datierungen von vermuteten Neandertalerschädeln bewusst gefälscht bzw. wissentlich Alterbestimmmungen mit grob fehlerhafter Kalibrierung der Geräte durchgeführt haben soll. Der Fall Protsch erweckte weltweites Aufsehen, weil dadurch zahllose Fundstücke auf Unstimmigkeiten überprüft werden müssen.